Überstürzt: Einige Gedanken zur neuen Passivitätsregel

Überstürzt: Einige Gedanken zur neuen Passivitätsregel

Die wichtigste Regeländerung zum neuen Jahr und niemandem ist geholfen.

Es ist wohl die gravierendste Änderung im Reglement zum Jahreswechsel 2018/19: Die Neuregelung der Passivität, des “Unwillen zum Kampf” oder “U2F”, wie es jetzt ganz modern heißt. Der Grundgedanke: Es soll der Fechter bestraft werden, der sich nicht ausreichend bemüht einen Rückstand aufzuholen. Erst einmal gar keine so abwegige Idee. Die Probleme beginnen später. Liest man die Mitteilungen der FIE, in denen in unterschiedlichsten Vorschlägen mit mehr oder weniger komplexe Schemata zur Bestrafen des einen oder des anderen Fechters um sich geworfen wird, so kann einem schnell der Kopf brummen. Ich möchte hier einmal versuchen, die Entstehungsgeschichte etwas zu schildern.

Angefangen hat alles mit einem relativ einfachen Vorschlag (Seite 9). Nach jeder Minute, in welcher kein Treffer fällt soll der zurückliegende Fechter mit einer roten Karte bestraft werden. Bei Gleichstand erhalten beide Fechter rot. Hat ein Fechter bereits drei rote Karten für Passivität erhalten, so wird ihm die schwarze Karte gezeigt. So weit so simpel. Dies findet sich in weiteren Vorschlägen mit sicherlich wichtigen, aber doch irgendwie kosmetischen Änderungen wieder. Insgesamt schien diese Regelung dem Exekutivkommittee zu hart und so entstand die abgeschwächte Regel, wie sie jetzt umgesetzt werden soll. Und dieses Abschwächen hat die ohnehin schon problematische Neuregelung zu einem sprachlichen Desaster werden lassen, der uns zwingt zu raten, was denn gemeint sein soll.

Ein großes Problem der neuen Regel ist, dass sie das ohnehin schon unübersichtliche Bestrafungssystem im Fechten komplett umkrempelt. Bisher gab es bei allen Verstößen einen “schuldigen Fechter”, welcher bestraft wird. Nicht mehr so bei Passivität, die nun als reiner Sachverhalt zunächst ohne Personenbezug auftritt. Passivität passiert einfach; im Original “Lorsqu’il y a une minute de non-combativité”. Wurde 2017 noch darüber diskutiert, ob Passivität gegen den sportlichen Geist verstößt, kann sie 2019 eben einfach vorkommen. Und auch wenn die nun veröffentlichten FAQ zur Passivität, speziell Q.8 und Q.9 etwas anderes behaupten, liest sich die Regel eindeutig anders, als sie gewollt ist. Bewertet wird das erste, zweite, dritte oder vierte Auftreten von Kampfunwillen. Das heißt die Bestrafung der Fechter hängt nicht von ihrem individuellen Verschulden der Passivität ab sondern davon, wie oft sie im laufenden (Mannschafts-) Gefecht schon vorgekommen ist. Nimmt man die Regel also wörtlich, so wäre es möglich, dass ein Fechter vom Wettbewerb ausgeschlossen wird, ohne vorher bereits als Folge von Kampfunwillen bestraft worden zu sein. So ist es aber nicht gemeint. Gut, dass wir das jetzt wissen…

Das zweite Problem: Jeder Vorschlag und auch die jetzt angenommene Neufassung des Paragraphen t.124 lassen sich nicht in das bestehende Strafensystem einfügen. Anstatt hierfür eine Lösung zu finden, erfindet man einfach neue Strafen, die selbst viele Aktive Fechter nicht verstehen werden. Ist heute schon bei den meisten Übertragungen von Fechtereignissen oft selbst eingeladenen Experten unklar, wofür Strafen ausgesprochen werden, macht es unseren Sport bestimmt attraktiver, wenn man weitere Möglichkeiten zum Irrtum einführt.

Offene Fragen bleiben auch nach wie vor. Lassen sich die meisten Antworten auf die Fragen in oben verlinktem FAQ-Dokument tatsächlich direkt aus den Regeln ableiten, so bleibt doch einiges offen. Dies wird z.B. auch auf der Seite des Kampfrichterkommission der USA angesprochen, welche nebenbei gesagt die neue Regel vorerst nicht implementieren. Wie ist zum Beispiel vorzugehen, wenn Treffer vor einem “Halt!” wegen Passivität angesetzt wurden? Klar, ein Erfahrener Kampfrichter würde das Gefecht nicht wegen Passivität unterbrechen, wenn die Möglichkeit besteht, dass jeden Augenblick ein Treffer fallen kann. Dieses Vorgehen beißt sich allerdings mit der Änderung des Kriteriums von “ungefähr” einer Minute ohne Treffer zu genau einer Minute ohne dass eine Lampe aufleuchtet. Wird der Melder bei der technischen Realisierung sperren? Wie stellt man sich vor, dass diese Regel auf Turnieren umgesetzt wird, deren technische Anlagen keine flexible Software haben, wie die der Plattenmelder? Vielleicht gibt es ja bald eine App…

Zusammenfassend ist die Neuregelung sehr überstürzt und die Formulierung der Regel wenig durchdacht, wirklich etwas für “Regelnerds”. Es gab keine Tests auf ausgewählten Turnieren und die an der Entscheidung beteiligten Personen haben so oft minimale Änderungen am Text durchgeführt, dass der Blick für das große Ganze verloren gegangen ist. In diese Richtung auch kein Vorwurf, es ist vollkommen natürlich und unvermeidbar und alle Beteiligten hatten mit Sicherheit die besten Absichten, aber gerade die kleinen, vermeintlich minimalen Änderungen kurz vor Redaktionsschluss bereiten uns das meiste Kopfzerbrechen.

(Titelbild (zugeschnitten) und Thumbnail: Alex E. Proimos CC-BY-2.0)


Robert A. Müller

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